lautrejardin aus den Augen von Mirjam Blaser

 

Interview mit  Xavier Allemann von“ l’autre jardin“

 

von: Mirjam Blaser

 

Im Dunkeln  komme ich an. Die Ausfahrt Fribourg Nord, dann ein Kreisel und schon fahre ich durch dünnbesiedeltes Gebiet. Weiler und Dörfer, deren Name mit „Court“ beginnen. Nach Courtepin scheint mich die Dunkelheit endgültig zu verschlucken. Wald, verschneite Felder und  ein paar trüb beleuchtete Bauernhäuser. Am Ende der Welt dann: Cormérod.

 

Ich parkiere auf dem schneebedeckten Kiesplatz und sehe Xavier Allemann, den Inhaber von “ l‘autre jardin“,  auf der Veranda  stehen. Der Schnee drückt schwer  auf das Dach des dreiteiligen Bauernhauses aus dem 18. Jahrhundert .  Wir begrüssen uns und  betrachten dann  für eine Weile  die Bauernhäuser auf der anderen Seite, schimmernd im diffusen Licht.  Kuhgeräusche dringen aus den Ställen, gedämpft vom Schnee.  An einem Strauch baumeln Meisenknödel. Die kalte Luft riecht nach nichts. Die Kräuterstauden  entlang der Auffahrt,  die  Pflanzung mit Storchenschnäbeln  am Hang vor dem Haus  sind verborgen  unter dem Schnee.

 

„Im Winter tritt die Struktur, treten die Formen der Pflanzen in den Vordergrund“, sagt Xavier beim Nachtessen und während er den Tee vorbereitet,  sehe ich mich in der Erinnerung in seinem sommerlichen  Garten. Meine Lieblingsstaude ist dort, an ihrem  angestammten Platz, jedes Jahr wuchtiger; ihre  blautonigen Blätter und orangen Samenstände fügen sich dennoch sanft in die Staudengruppe ein.   Dann jedes Jahr die Suche nach den  neuen  Züchtungen, Stauden, die erst auf den zweiten Blick ihre  Andersartigkeit preisgeben, ein neuer kühler Farbton, eine andere  Blattform; wenn das Auge will, kann es auch beim Gewohnten bleiben.

 

Beim Teetrinken erkenne ich vage durch das Fenster  die Beete des Schaugartens, wirre Stängel, die  aus Schneehaufen stechen. Winter.

 

Xavier, Du hast die Aufnahme bei  Bio-Suisse beantragt, was sind Deine Gründe?

 

In der Lehre war mir stets schlecht und mein Herz hat reagiert, wenn ich mit synthetischen Spritzmitteln gearbeitet habe. Ich habe also am eigenen Leib erfahren, wie diese Mittel wirken.        Es war für mich von Anfang an ganz klar, dass ich meine Staudenkultur ohne chemischen Dünger oder Spritzmittel  aufbaue. Ich war auch zuversichtlich, dass es  gärtnerisch unproblematisch  ist, Stauden nach den biologischen Richtlinien anzubauen, was sich mit der Zeit bestätigte.  Bioproduktion  hat für mich im Grunde naheliegende und pragmatische Gründe.  Das Knospen-Label hat  in der ganzen Schweiz einen guten Ruf und ermöglicht mir den Zugang zu Bio-Märkten.

 

Ich habe von einer Staudengärtnerin gelesen, die im Herbst ihre Pflanzen mit einem Balkenmäher mäht. Wie pflegst Du in der kalten Jahreszeit Deine Stauden?

 

Sicher nicht mit dem Balkenmäher.  Die meisten Stauden lasse ich stehen, irgendwann im Februar merke ich meist, dass ich genug habe von dem trockenen Zeug. Letztes Jahr habe ich jedoch bei einigen Stauden gewartet und beobachtet, wie  frische Zwiebelpflanzen ins Trockene hineingewachsen sind. Das fand ich  fürs Auge sehr interessant.

 

Trotzdem, wie hälst Du es aus, dass die Stauden  jetzt so aussehen?

 

 Ich weiss, dass sie den Winter überleben und  manchmal nach dem Schnee sogar wieder aufstehen. Diese Zähigkeit fasziniert mich. Die Pflanzen geben mir etwas, indem ich sie beobachte. Es ist eine andere Art von Schönheit im Winter.

 

Xavier, was liegt Dir mehr, die Arbeit als Staudengärtner oder als Gestalter von Staudenbeeten?

 

Das ist für mich schwierig zu beantworten. Von Haus aus bin ich ein Staudengärtner, ich kultiviere  Stauden, kenne mich mit ihren Bedürfnissen gut aus. Deshalb fühle ich mich kompetent darin, Staudenbeete und Gärten zu gestalten und die Gestaltung umzusetzen.  Wenn es aber um das Planen und Gestalten  von  Gärten als Ganzes geht, arbeite ich lieber mit ausgebildeten Landschaftsgärtnern zusammen.

 

Xavier, diese Frage hörst Du sicher  von vielen Gartenmenschen: welche Stauden, welche Art von Pflanzung empfiehlst Du für einen (wahrhaft) pflegeleichten Garten?

 

Ich nehme an, dass Du immer noch keinen Rasen willst oder?  Ich mache gute Erfahrungen mit  robustem Knöterich, einer davon ist der „Persicaria Amplexicauli“ . Der Knöterich blüht  von Juni bis zu den ersten Frösten und  gedeiht, je nach Sorte,  in Sonne und Halbschatten und auf verschiedenen Böden. Kombiniert mit anderen Stauden ergibt sich eine Art von Wieseneffekt.

 

Auch ein Steingarten fällt mir als eine pflegeleichte Lösung ein.

 

Die Stauden sind übrigens nur pflegeleicht, wenn Du sie an den richtigen Ort setzst, in die richtige Erde, danach  beobachtest und auf ihre Bedürfnisse eingehst. Dann machst  Du wenig falsch und kannst sie vielleicht sogar mit dem Balkenmäher zurückschneiden.

 

Gibt es im Moment einen Trend, der Dich anspricht?

 

Gerade begeistern mich Blumenzwiebeln; vermutlich hatten die Menschen des 19.Jahrhunderts  mehr Kenntnisse über Blumenzwiebelsorten als jetzt, ich bin neugierig, was ich da noch entdecken kann. Auch Doldenblüten liegen mir am Herzen und ich sammle Erfahrungen damit.  

 

Warum lohnt es sich, nach Cormérod, zu „l’autre jardin“ zu reisen?

 

 Es ist bei mir möglich, die Stauden in einem Beet zu sehen. Ich  gestalte jedes Jahr  Staudenbeete, die verschiedene Stimmungen vermitteln.  Es ist also eine anschauliche Sache.

 

Heute hatte ich den Eindruck, ans Ende der Welt zu reisen, als ich zu Dir kam.

 

Was meinst Du dazu ?

 

 

 

Nun, es gibt erst seit 30 Jahren eine zweite Zufahrtsstrasse ins Dorf hinein. Zudem hört unsere Strasse bald nach diesem Haus auf, und da hinten ist der Wald. Ich fühle mich jedoch nicht eingeengt; der Garten ist gross,  zwischen ihm und dem Wald auf der Hügelkuppe liegt eine Obstwiese. Morgen wirst Du  die rund verlaufende Hügellinie sehen; es ist, als ob das Haus, mein Garten, die Wiese und der Wald auf einem schrägen Tablett liegen würden oder als ob hier endgültig bewiesen werden kann, dass die Erde  rund ist.

 

Danke, Xavier, für dieses Interview!

 

Nach einer ruhigen Nacht in Xaviers Gästezimmer, beim Frühstück mit selbstgebackenem Brot, blicke ich durchs Fenster auf die Schaubeete , hell im kühlen Morgenlicht. 

 

Auffallend sind  die Gräser: einige Grasbündel stehen aufrecht, wie unberührt vom Schnee, andere biegen sich in einem anmutigen Bogen. Dahinter  eine  Weissdornhecke, eine sperrig-knorrige Mauer, die den Schaugarten von der Staudengärtnerei trennt. Mittendrin das antike Backhaus. Eine Kopfweide leuchtet orange vor der italienischen Pappel.  Wo endet denn Xavier‘s Garten ?, überlege ich zwischen den Brotbissen :  vor der Obstwiese, im Wald, auf der  gewölbten  Hügelkuppe oder dehnt er sich gar weiter aus, über das Ende der Welt hinaus ?